02.07.2009
Kinderarmut in Baden-Württemberg vor allem in Städten - Jeder elfte Bürger im Land gilt als arm - Kinder aus armen Familien in Armutsspirale
Im wohlhabenden Land Baden-Württemberg leiden viele Kinder unter Armut: Etwa jedes achte Kind (12 Prozent) unter sieben Jahren lebt von Sozialgeld in so genannten SGB II-Bedarfsgemeinschaften. Diese Kinder gelten damit als akut armutsgefährdet, wie eine von Caritasverband und Diözesanrat der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Kooperation mit dem Caritasverband der Erzdiözese Freiburg in Auftrag gegebene Studie zeigt. Nach der vom Stuttgarter Institut für angewandte Sozialwissenschaften an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (ifas) erstellten Erhebung "Die Menschen hinter den Zahlen" nimmt Kinderarmut in noch nicht exakt zu benennendem Umfang auch extreme Formen an.
"Lebt eine Familie erst einmal in Armut, wirkt sie für die Kinder äußerst statisch", sagte der Caritasdirektor der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Monsignore Wolfgang Tripp, am Montag in Stuttgart bei der Vorstellung der Studie. Kinder hätten kaum Möglichkeiten, ihre Lage zu verändern und seien "lebenslang in ihren Entwicklungs- und Teilhabechancen extrem eingeschränkt". So sei bereits mit sechs Jahren "das Leben für viele gelaufen".
Laut Studie ist Kinderarmut besonders stark in Städten ausgeprägt. So lebt in fünf Städten etwa jedes siebte Kind (über 15 Prozent) unter 18 Jahren in einer Bedarfsgemeinschaft: An der Spitze liegt Mannheim mit 23 Prozent, gefolgt von Pforzheim mit 17,8 Prozent, Freiburg im Breisgau mit 17,1 Prozent, Heilbronn mit 16,3 Prozent und Karlsruhe mit 15,7 Prozent. In Stuttgart leben 14,8 Prozent der Kinder in SGB II-Bedarfsgemeinschaften. Die Ergebnisse belegen auch: Das Armutsrisiko steigt, je jünger die Kinder sind.
In der Untersuchung wird der relative Armutsbegriff der EU zugrunde gelegt. Danach gilt als arm, wer in einem Haushalt mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der ganzen Bevölkerung wohnt. Bezogen auf das so genannte Nettoäquivalenzeinkommen in Baden-Württemberg lebt hier jeder elfte Bürger in relativer Armut, das sind 10,9 Prozent. Weiterer Einkommensindikator sind Sozialgeldbezug und Leistungen zur Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II).
Die Studie weist weit über den rein finanziellen Ansatz hinaus und gibt auf der Basis eines mehrdimensionalen Armutsverständnisses einen Einblick hinter die nackten Zahlen. Auf dieser Basis wird Kinderarmut als Mangel an fundamentalen Entwicklungs- und Teilhabechancen der Kinder verstanden. Die Studie benennt fünf Dimensionen für die kindliche Entfaltung:
1. Körperliche Entwicklung und Gesundheit
2. Kognitive Entwicklung, Bildung und Lernen
3. Soziale Entwicklung, soziale Kompetenzen und soziale Netzwerke
4. Kulturelle Entwicklung und Freizeitgestaltung
5. Persönlichkeitsentwicklung, Selbstachtung und Selbstwert
Die von der Dramatik der Situation in den Familien sichtlich erschütterten Wissenschaftler bringen ihre Erkenntnisse analog zu den Entwicklungsdimensionen so auf den Punkt:
1. Armut macht krank
2. Armut macht perspektivlos
3. Armut grenzt aus
4. Armut engt ein
5. Armut ist entwertend
In der Studie werden drei Formen von Kinderarmut unterschieden:
- Akut armutsgefährdet sind Kinder in Familien, die ohne staatliche Transferleistungen wie ALG II ihren täglichen Bedarf nicht decken können. Wenn die sozialen Netze tragen, Kinder mit ihren Familien integriert sind und die Erwachsenen materiellen Mangel emotional ausgleichen können, haben die Kinder laut Studie gute Chancen. Entsteht durch Geldmangel aber eine Dauerkrise, schwinden die fundamentalen Entwicklungs- und Teilhabemöglichkeiten der Kinder.
- Manifeste Kinderarmut besteht, wenn sich die permanente finanzielle Mangelsituation und Unterversorgung negativ auf die Lebenswelt der Kinder auswirken.
- Extreme Kinderarmut ist, wenn zusätzliche soziale und wirtschaftliche Probleme wie Überschuldung, Drogenabhängigkeit oder Langzeitarbeitslosigkeit die Situation der Familien verschärfen. Psychische und physische Folgeschäden sind für die Kinder bereits eingetreten und das Kindeswohl ist akut gefährdet.
"Der vielfach verwendete Begriff der ‚relativen Armut' ist daher wenig brauchbar, da er den Mangel armer Kinder an Teilhabe- und Entwicklungschancen unterschätzt und verharmlost", unterstrich Monsignore Tripp. Immer dann, wenn zu einem geringen Einkommen weitere Mangellagen und Stressfaktoren hinzukämen, begännen sich Armutslagen zu verfestigen und setze sich eine Abwärtsspirale in Gang, die in eine Ausweglosigkeit führe. "Daher plädiert die Caritas für eine regelmäßige Armuts-Reichtums-Berichterstattung im Land. Sie ist eine unverzichtbare Grundlage für die Weiterentwicklung notwendiger und bedarfsgenauer Hilfen und Unterstützungsangebote", so der Diözesancaritasdirektor.
Für Ordinariatsrätin Dr. Irme Stetter-Karp, Hauptabteilungsleiterin Caritas bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart, "muss alles getan werden, um den "Lernort Familie" zu stärken". Um das Menschenrecht auf Bildung von Anfang an einzulösen, forderte sie den selbstverständlichen Zugang von Familien mit Kindern zur Kindertagesbetreuung und damit den Kita-Ausbau für Ein- bis Dreijährige sowie den kostenlosen Kita-Besuch zunächst für arme Familien. Dr. Johannes Warmbrunn, Specher des Diözesanrats, dem Vertretungsgremium der württembergischen Katholiken, fasste zusammen: "Die sozialen Kontakt- und Erlebenswelten armer Kinder sind sehr verengt und auf die eigene Familie oder Familien in ähnlichen sozialen Lagen bezogen. Von Kindheit an wird so eine Armutsspirale in Gang gesetzt, die einen verhängnisvollen Sog ins soziale Abseits erzeugt."
Im Internet: www.dicv-rottenburg-stuttgart.caritas.de