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Das ist ungerecht!

20.06.2009

Predigt zur BDKJ-Jugendwallfahrt Höchstberg am 20. Juni 2009

Das ist unfair… Wenn wir das sagen,  ist das meistens in einer Situation, in der wir uns selber ungerecht behandelt fühlen. Dazu fallen mir und euch selber sicher eine Menge eigener Beispiele und Erfahrungen ein .

  • wenn Lehrer euch Noten geben, die ihr nicht für angemessen haltet,
  • wenn Bewerbungen immer wieder ins Leere laufen
  • wenn Geschwister bevorzugt werden…

das ist ungerecht…
Darum geht es heute aber nicht, wenn ihr sagt: Kinderarmut, das ist ungerecht! Dann geht es nicht um euer persönliches Recht (auch dafür soll und darf man sich natürlich einsetzen), sondern ihr klagt Ungerechtigkeit an, die weitgehend andere betrifft, ihr stellt Situationen an den Pranger, die nicht nur nicht in Ordnung sind, sondern ein Skandal. Ihr macht auf Missstände aufmerksam, laut und deutlich:

  • Jugendliche, die weniger als 2 € pro Tag für Essen zur Verfügung haben,
  • Kinder, die auf die Frage, „Was möchtest du mal werden?“ Keine andere Idee und Perspektive haben als zu sagen :“Ich werde mal Harz IV“,
  • Kinder, bei  denen schon quasi von Geburt an der Weg auf eine höhere Schule verbaut ist, weil sie von Anfang an keine Chance haben werden mitzuhalten, nicht weil sie nicht intelligent genug wären, sondern weil sie nicht gefördert und unterstützt werden.

In welches Umfeld und in welche Familie, in welchen Erdteil und in welches Land  ein Kind hineingeboren wird, entscheidet maßgeblich über seine Chancen und Entwicklungsperspektiven… statistisch gesehen ist es Pech, wenn die Mutter allein erziehend ist, wenn die Eltern arbeitslos sind, wenn die Eltern einen niedrigen Bildungsstand haben oder Migranten sind, wenn sie aus einer Kinderreichen Familie kommen ...Pech eben,

Das ist ungerecht!!! Schreit es da aus mir heraus,
… denn es fehlt nicht an Geld und Bildung in Deutschland! Millionen und Milliarden stehen plötzlich für Banken – Rettungsschirme zur Verfügung. Geld und Bildung sind schlicht völlig ungerecht verteilt. Wer viel  hat, bekommt leicht noch mehr, wer nichts oder wenig hat, hat kaum eine Chance auf Besserung – das ist ungerecht!
Leider ist es so, dass wir uns an solche Umstände leicht gewöhnen, besonders leicht, wenn wir zu den Priviligierten gehören. Das ist meist kein böser Wille, sondern Unwissen oder schlicht die Tatsache, dass wir so mit unseren eigenen Sachen beschäftigt sind oder auch, dass Verhältnisse schön geredet werden und wir das nur zu gerne glauben…

Das war offensichtlich schon immer so, auch zur Zeiten vom Propheten Amos, von dem wir in der Lesung gehört haben.  Er ist ein Prophet, der sich nicht einlullen lässt, sondern laut und deutlich unangenehme Wahrheiten herausschreit und laut anklagt!  Weh denen, die das Recht in bittere Wermut verwandeln und die Gerechtigkeit zu Boden schlagen!
Der Prophet Amos benennt die Ungerechtigkeiten klar und deutlich und er tut das mit der Autorität eines Gottesmannes. Als Sprachrohr Gottes macht er deutlich, dass Gott selber diese Ungerechtigkeit sieht und anprangert. Spricht da nicht Gott selber, wenn es heißt „Ich kenne eure vielen Verbrechen  und eure zahlreichen Sünden!  Ihr bringt den Unschuldigen in Not, ihr lasst euch bestechen und weist den Armen ab vor Gericht!“?

Amos spricht als Prophet nicht nach eigenen Gutdünken oder als Lobbyist einer bestimmten Gruppe, Amos klagt im Namen Gottes an, dass hier das Volk Gottes ins Verderben rennt, weil es die geschenkte Freiheit missbraucht, weil es sein Zusammenleben nicht so gestaltet, wie es sein soll. Gott will Gerechtigkeit, Leben und Freiheit für jede und jeden und dass wir unsere Welt und unser Zusammenleben entsprechend gestalten. Amos weist in schlichten Worten darauf hin: „Sucht das Gute, nicht das Böse, dann werdet ihr leben und dann wird der Herr bei euch sein.“ Und weiter „hasst das Böse, liebt das Gute, und bringt bei Gericht das Recht zur Geltung“. So einfach ist das, wenn Gottes Recht und Gerechtigkeit zur Geltung kommt, werden alle gut leben – alles andere aber führt das Volk  ins selbstverschuldete Verderben!

Wenn ihr euch heute aufmacht und die Ungerechtigkeit der Kinderarmut anprangert, weil ihr davon überzeugt seid, dass Gott sich unser Zusammenleben anders vorstellt, weil er für uns alle Leben in Fülle will, wenn ihr euch also hinstellt und laut und deutlich sagt: Kinderarmut in unserem Land – das ist ungerecht, dann tretet ihr in der Tradition des Amos prophetisch auf!
Ich bin davon überzeugt, dass wir solche prophetischen Stimmen heute dringend brauchen. Menschen, die nicht in der Beliebigkeit der großen Masse mitschwimmen, sondern solche, die eine Idee von einer gerechten Welt haben und von daher klar Position beziehen können und laut sagen, was gerecht und ungerecht ist! Traut euch, ihr steht in einer machtvollen Tradition der Propheten und - bei allem Risiko, das es mit sich bringt - unter Gottes Schutz und Auftrag!
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden!  Jesus steht in der Tradition der Propheten. Er nimmt ihre Botschaft auf und er preist alle selig, die nicht nach Macht und Geld, nach Reichtum und Prestige hungern und dürsten, sondern nach Gerechtigkeit.
Lasst euch anstecken von der Faszination des Reiches Gottes, einer Welt der Gerechtigkeit und Liebe und geht mit dieser  Vision ins Leben, kämpft dafür und setzt euch dafür ein.

Es lohnt sich. Vielleicht lieben euch nicht alle (das geht sowieso nicht), vermutlich stoßt ihr auf Widerstände (wie Jesus und die Propheten) aber ihr lebt ein Leben, das Sinn und damit selig macht!
Wenn ich das sage, dann spüre ich selber wieder die Kraft, die aus dieser Überzeugung kommt (und leider immer wieder erlahmt) dann sehe ich aber auch Menschen vor mir, die für mich genau das ausstrahlen. Desmond Tutu, der der diese Woche in Tübingen war und sich ein Leben lang für eine gerechte Welt eingesetzt hat, was hat er alles einstecken müssen und wie lebensfroh und ermutigend steht er in seinem Alter da. Oder mir fällt Dorothee Sölle ein, die leider vor einigen Jahren verstorben ist. Sie hat nie aufgehört ihre Stimme für Gerechtigkeit zu erheben und war so eine ansteckender ermutigende und lebensfrohe Frau.  Wenn ich daneben so manchen super wohlhabenden aber ständig nörgelnden Greis vor Augen habe, ist für mich klar, was das Leben sinnvoll und lebenswert – was eben selig macht, sprich wofür es sich lohnt zu leben. 

Steht also auf für eine gerechte Welt und sagt laut, was nicht in Ordnung ist. Kinderarmut in unserem Land z.B. das ist ungerecht!

Amen.

Maria Haller-Kindler, Fachreferentin Caritas, ehem. Geistliche Leiterin im BDKJ

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